Wozu nehmen Sie Zuflucht? Zu Ihrem Beruf? Ihrer Familie oder Ihrem Ehepartner? Ihrem Freundeskreis? Ihren Fähigkeiten oder gesellschaftlichen Aufgaben? Was immer es auch sei, wir alle haben die Brüchigkeit und Vorläufigkeit dieser Art des Zufluchtnehmens schon in der einen oder anderen Weise erfahren, sei es, daß wir unseren Arbeitsplatz oder unseren Partner verloren haben, sei es durch die Erfahrung des Verlustes lieber Angehöriger oder Freunde, die uns aus dem Sicherheit vortäuschenden Netzwerk der Beziehungen herausgerissen haben. Und doch stellen wir trotz all dieser Erfahrungen nicht die Verlässlichkeit dieser Art von Zuflucht in Frage, sondern greifen sofort nach einer anderen, ohne uns klar zu machen, daß auch diese nicht von Dauer sein kann und zu irgendeinem Zeitpunkt Leid verursachen wird. Gibt es überhaupt einen sicheren Zufluchtsort, an den wir uns in Gefahr flüchten können?
Unsere Sehnsucht gilt einem Leben in Sicherheit und Glück. Und mit dieser Sehnsucht kann man immer noch Millionengeschäfte machen, weil das ungesicherte Leben den Menschen Angst macht und sie die darin liegende Freiheit nicht erkennen können oder ihr zumindest nicht vertrauen.
Der Prinz Gautama, der im goldenen Käfig seines Palastes lebte, “erfuhr“ nach der Legende schockartig die ganze Wahrheit, als in dieses abgesicherte Leben des Genusses und der Schönheit ganz unverhüllt die Wirklichkeit von Alter, Krankheit und Tod einbrach. Da durchschaute er den trügerischen Glanz seiner eigenen Situation ... und zog die Konsequenzen. Er nahm Zuflucht zu den verschiedenen Heilswegen seiner Zeit und erprobte ihre Wirksamkeit an sich selbst. Er erfuhr wesentliche Einsichten und machte rasche Fortschritte auf diesen Wegen, aber nicht einmal die Versicherung seiner Lehrer, er habe alles erreicht, was es zu erreichen gebe, konnte ihn davon abhalten, die Sicherheit dieser Übungssysteme aufzugeben und hinter sich zu lassen, um sich, verlassen selbst von seinen engsten Mitschülern, wieder auf den Weg zu begeben. So war der Weg des Buddha eigentlich ein Weg in die ungesicherte Freiheit der eigenen Erfahrung. Und wenn er zeitweise Zuflucht zu Lehren, Lehrern und Methoden nahm, so doch stets nur solange, wie sie ihn weiterführten. Taten sich Sackgassen auf, so scheute er sich nicht umzukehren und alle Früchte seines bisherigen Bemühens aufzugeben.
Dieses Beispiel des Buddha sollten wir nicht aus den Augen verlieren, wenn wir nach 2500 Jahren immer noch Zuflucht zum Buddha, seiner Lehre und Gemeinschaft nehmen. Heutzutage erleben wir eine Zufluchtnahme als feierliches Ritual, in dem ein Mensch nach langer Bedenkzeit seinen Entschluß bestätigt, dem Weg des Buddha zu folgen. Das war aber nicht immer so. Die ersten Schüler des Buddha waren vielmehr Menschen, die in einer schweren Lebenskrise steckten oder die von lebenswichtigen Fragen umgetrieben wurden. In dieser Situation legten sie dem Buddha ihr Problem dar. Und wenn er es mit seiner Einfühlung und seinen Worten vermochte, ihnen den Blick auf die Wirklichkeit zu öffnen, so dass es ihnen wie Schuppen von den Augen fiel und sie in seiner Belehrung die Lösung für all ihre Schwierigkeiten erkannten, dann fassten sie den Entschluss, diesem Lehrer und seiner Lehre in der Gemeinschaft seiner Schüler zu folgen. Selbst der Gemeinschaft der Mönche schloß man sich in den Anfangszeiten des Sangha an, indem man nur diese schlichte Formel der Zufluchtnahme sprach und damit dem Weltleben den Rücken kehrte. Auslöser für einen solchen schwerwiegenden Schritt aber war stets eine tiefe Einsicht in die inneren Zusammenhänge der eigenen Situation. Diese Einsicht, nicht irgendein Ritual, war das entscheidende Moment der Zufluchtnahme. Durch eine solche Begegnung und diese ebenso schlichte wie spontane Willenserklärung veränderten die Schüler ihr Leben grundlegend, ob sie nun als Bhikçu ein mönchisches Leben oder als Upasaka ein Leben im Haushälterstand führten.
Worin bestand nun diese grundlegende Veränderung? Erinnern wir uns an die Worte, die bei der Zufluchtnahme bis auf den heutigen Tag gesprochen werden:
Buddham saranam gacchami.
Ich gehe um Zuflucht zum Buddha.
Dhammam saranam gacchami.
Ich gehe um Zuflucht zum Dharma.
Sangham saranam gacchami.
Ich gehe um Zuflucht zum Sangha.
Gehen wir wirklich auch heute noch? Oder haben wir es uns nicht meist in unseren gewohnten und liebgewonnenen Theorien und Beschäftigungen bequem gemacht? Wo ist der Buddha, zu dem wir zu gehen vorgeben, heute? Ist er nicht all zu oft eine ferne, erhabene Gestalt, der wir Bewunderung und Verehrung zollen? Wo sind unsere existentiell bedeutsamen Fragen, deren Lösung uns unter den Nägeln brennt? Daß die Zufluchtnahme im Laufe der Jahrhunderte immer stärker in Rituale eingebunden wurde, hat möglicherweise dazu geführt, daß die existentielle Bedeutung dieses Schrittes in Vergessenheit geriet.
Das Pàli-Wort Sarana (skt. Sharana, n.) kommt von der Wurzel shri, die die Bedeutung schützen, hüten, verteidigen in sich trägt. Sharana bedeutet also ursprünglich Schutz, Unterschlupf, Zufluchtsort. Deshalb kann eigentlich nur derjenige wirklich Zuflucht finden, der erkannt hat, daß es nirgendwo anders Sicherheit gibt als im Schutz dieser drei Juwelen. Das Wort gacchami (ich werde (beabsichtige zu) gehen)ist abgeleitet von der Wurzel gam und bedeutet 1. gehen, in Bewegung sein, sich bewegen, weitergehen, 2. (in Verbindung mit einem Akkusativ) Hingehen, Zugang haben, gelangen zu, mit dem Ziel der Bewegung oder der Absicht. In übertragener Bedeutung heißt es erfahren, verwirklichen.
Wie so oft weist uns auch hier die Sprache den Weg zu tieferem Verständnis. Sie zeigt uns, dass die in buddhistischen Ländern gepflegte und von uns oft nur als frommer Brauch betrachtete Übung der täglich erneuerten Zufluchtnahme einen tiefen Sinn in sich birgt. Es ist keine stereotype Wiederholung von immer denselben Worten, sondern die Bewußtmachung der Notwendigkeit ständigen Gehens. Denn saranam gacchami ist keinesfalls ein einmaliger Akt der Entscheidung. Vielmehr erfordert es die Bewußtmachung eines ständigen auf dem Wege Seins. So ist mit der Zufluchtnahme dieses „Ich gehe“ auch ein Bekenntnis, mit dem wir jedem Stillstand eine Absage erteilen. Wir machen uns bei dieser Übung täglich auf den Weg und lassen alles hinter uns, was wir erreicht zu haben glauben. Wir bewegen uns unbeirrt auf die Buddhaschaft zu, weil wir ahnen, dass es ein Sein ist, welches nie endgültig erreicht werden kann. Wir nähern uns dem Dharma immer wieder neu und verzichten darauf, uns darin einzurichten. Wir gehen mit der Gemeinschaft derer, die sich ebenfalls als ewige Wanderer zu diesem Ziele betrachten.
Wenn wir bei der Zufluchtnahme die vielen kleinen Lebensziele aufgeben, weil uns ihre Vorläufigkeit und Begrenztheit bewußt wird, dann ist das kein Rückzug in die Passivität. Sondern wir entscheiden uns ganz im Gegenteil für den Aufbruch in ein Leben, das sich mit der Begrenztheit unserer Möglichkeiten nicht abfindet. Deshalb ist eigentlich erst derjenige zur Zufluchtnahme bereit, der sich von weltlichen Tätigkeiten keine letzte Erfüllung mehr verspricht, dem soziale Kontakte, beruflicher Erfolg, Familienleben, Freizeitzerstreuung, Erwerb von Kenntnissen und Besitz nicht mehr das Ziel seines Lebens bedeuten, der über den engen Horizont hinauszuschauen fähig ist und in der Ferne seine wirklichen Möglichkeiten entdeckt. Dann wird Zuflucht zum Buddha, zum Dharma und zum Saægha zur totalen Umkehrung unseres Lebenszieles und Lebenssinnes und führt zu einer völligen Neuorientierung hin auf ein Ziel, das durch die Kraft unserer Vision immer mehr in den Bereich unserer Möglichkeiten rückt.

Gedanken und Erkenntnisse oder Wahrheiten andererseits, die nur auf der intellektuellen Ebene entwickelt worden sind, müssen im Erleben bestätigt, durch unmittelbare Erfahrung zur erlebten und gelebten Wirklichkeit werden, wenn sie Macht haben sollen, unser Leben zu verwandeln und im tiefsten Wesen zu formen.